Mindestens 68 Tote bei Zugunglück in Spanien – Ursache wohl menschliches Versagen
Beim zweiten schweren Zugunglück in Spanien innerhalb eines Jahres sind mindestens 68 Menschen ums Leben gekommen. Weitere 100 Menschen wurden laut Behördenangaben verletzt, als zwei Hochgeschwindigkeitszüge am Mittwochmorgen südlich von Madrid auf gerader Strecke kollidierten. Als Ursache vermutet die spanische Regierung menschliches Versagen. Auf der gleichen Strecke waren erst im Januar 46 Menschen bei einer Zugkollision gestorben.
Ersten Erkenntnissen zufolge war in dem Gebiet in der Region Kastilien-La Mancha das automatische Sicherheitssystem für den Zugverkehr ausgefallen, wie Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente sagte. In der Folge seien mehrere Züge gestoppt und das manuelle Kontrollsystem aktiviert worden. Das Kontrollzentrum in Madrid habe dann aus "unerklärlichen Umständen" entschieden, einen der beiden betroffenen Züge wieder fahren zu lassen, obwohl ein anderer Zug noch auf dem selben Gleis gestanden habe.
Nach einer knapp 25 Kilometer langen Fahrt fuhr dieser Zug dann mit einer Geschwindigkeit von laut Puente "bis zu 200 Stundenkilometern" auf den anderen Zug auf. Der Minister sprach von einer "falschen Entscheidung", in deren Folge es zu dem Zusammenprall genommen sei.
An der Unfallstelle in der Provinz Toledo rund 110 Kilometer Luftlinie südlich der Hauptstadt Madrid bot sich am Mittwoch ein Bild der Verwüstung: Mehrere Waggons waren den Bahndamm herabgestürzt und lagen neben den Gleisen, andere waren ineinander verkeilt. Dutzende Fahrzeuge von Rettungsdiensten rasten zum Einsatzort, während auch mehrere schwarze Wagen eines Bestattungsunternehmens eintrafen.
Bislang gebe es 68 Tote, sagte der Präsident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, am Nachmittag. Die Opferzahl könne jedoch weiter steigen. Laut der Regionalregierung wurden zudem mehr als 100 Menschen verletzt, viele von ihnen schwer.
Nach Angaben des Rettungsdienstes wurden alle verfügbaren Kräfte zur Unglücksstelle nahe der Stadt Urda entsandt. Hubschrauber, mehrere Mannschaften der Feuerwehr sowie mobile intensivmedizinische Rettungsfahrzeuge waren im Einsatz. Die Straßen im Umkreis wurden gesperrt.
Er habe den ganzen Vormittag über mit seinem Privatauto überlebende Passagiere von der Unglücksstelle fortgebracht, schilderte Manuel Ortiz aus Urda der Nachrichtenagentur AFP. Der Anblick vor Ort sei "furchtbar, furchtbar" gewesen, sagte der 49-Jährige sichtlich schockiert.
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez unterbrach seinen Wahlkampf für die vorgezogene Parlamentswahl im kommenden Monat. "Ganz Spanien trauert", sagte er bei einem Besuch der Unglücksregion und rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Sánchez bezeichnete es zudem als "inakzeptabel", dass es in Spanien in einem Jahr zwei schwere Unfälle mit Hochgeschwindigkeitszügen gegeben habe.
König Felipe VI. sprach von einer "furchtbaren Tragödie". Sämtliche für Mittwochabend geplanten Spiele des spanischen Fußball-Pokalwettbewerbs wurden verschoben.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einer "erschütternden" Nachricht. Ihre Gedanken seien bei den Opfern und deren Angehörigen. "Meine volle Unterstützung gilt dem spanischen Volk in diesen Stunden des Schmerzes", schrieb EU-Ratspräsident António Costa auf X. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte sich "tief betroffen".
Das nun zweite verheerende Zugunglück in Spanien in diesem Jahr wirft drängende Fragen zur Schienensicherheit auf. Bereits im Januar waren auf derselben Trasse zwischen Madrid und Sevilla nahe der südspanischen Stadt Adamuz 46 Menschen bei der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge ums Leben gekommen. Das Unglück erschütterte das Land und löste eine Debatte über die Wartung der Infrastruktur und die Sicherheit der Passagiere aus. Auch Regierungschef Sánchez geriet in die Kritik.
Mit rund 4000 Kilometern Strecke hat Spanien das zweitgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt nach China. Nach dem Unglück zu Beginn des Jahres hatte die spanische Regierung Investitionen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro in das Streckennetz angekündigt.
F.Strobl--NWT