Viele Unternehmen im Osten sehen Demokratie in Gefahr - sind aber defensiver
Viele ostdeutsche Unternehmen sorgen sich laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) um die Demokratie - zugleich scheuen sie aber stärker als westdeutsche Unternehmen vor einer politischen Positionierung zurück. Dahinter verberge sich einerseits ein "verschiedenes Rollenverständnis", heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung. Zudem seien die Rahmenbedingungen für Engagement im Osten herausfordernder: "Sorgen vor Boykotten, Hasskommentaren sowie Konflikten in der Belegschaft, mit Kunden und Lieferanten sind dort stärker ausgeprägt."
Für die Studie wurden im Februar und März dieses Jahres Führungskräfte in 138 ostdeutschen und 765 westdeutschen Unternehmen der Industrie und der industrienahen Dienstleistungsbranche befragt. Insgesamt messen laut der Studie mehr als 90 Prozent der Demokratie eine hohe Bedeutung bei - in Ost wie West.
Ebenso verbreitet ist das konkrete Engagement der Unternehmen: In Westdeutschland geben 82,3 Prozent der Befragten an, sich in den vergangenen drei Jahren für die Demokratie engagiert zu haben; im Osten sind es mit 75,9 Prozent etwas weniger.
Gleichzeitig ist im Osten die Zahl derjenigen höher, die die Demokratie als gefährdet ansehen: Rund sechs von zehn befragten Chefs geben dies an (60,3 Prozent) - im Westen sind es 54,6 Prozent.
Ob es Aufgabe von Unternehmen sei, sich demokratiestabilisierend einzusetzen, wird jedoch unterschiedlich beurteilt: Im Westen sagen dies fast 65 Prozent - im Osten geben dies mit knapp 48 Prozent weniger als die Hälfte der Befragten an.
Ostdeutsche Unternehmen seien "zurückhaltender darin, sich selbst eine politische Rolle zuzuschreiben", heißt es in der Studie. Grund dafür ist demnach aber auch die Sorge vor Konflikten. Rund jedes vierte ostdeutsche Unternehmen nennt laut IW mögliche Boykotte oder Hasskommentare als Hemmnis für mehr Engagement; im Westen ist es rund jedes fünfte.
Auch mögliche Konflikte innerhalb der Belegschaft oder mit Kunden und Lieferanten werden im Osten häufiger genannt. "Ostdeutsche Unternehmen sind nicht weniger demokratieaffin", fasst Studienautor Knut Bergmann die Ergebnisse zusammen. "Sie agieren aber unter schwierigeren Bedingungen und verstehen ihre Rolle defensiver."
R.Leitner--NWT